Phillip K. Dick setzte sich in der Kurzgeschichte „We Can Remember It For You Wholesale“ mit den Konsequenzen und der Charakteristik unserer Verdrängungsgesellschaft auseinander, die im Jahre 1966, als die Kurzgeschichte zum ersten mal gedruckt wurde, sicher noch stärker vorhanden war als heute. Damals, zur Zeit des Vietnamkrieges, sahen viele Menschen keine andere Möglichkeit, mit den schlimmen Erinnerungen umzugehen, verdrängten diese und flüchteten sich in Scheinwelten. So mancher hat sich wahrscheinlich gewünscht seine Erinnerungen einfach löschen zu können.
REKAL ist es möglich über Verdrängung hinaus zu gehen und Erinnerungen zu löschen, durch andere Erinnerungen zu ersetzen oder zu erweitern. Douglas Quail führt ein langweiliges, eintöniges Leben und sehnt sich nach Abenteuer. Deshalb will er sich eine spannende Erinnerung „einpflanzen“ lassen. Doch bei dem Prozess kommt Quails Erinnerung an eine Marsreise zurück, also wird der Eingriff in sein Gehirn abgebrochen.
Auch in der Realität funktioniert Verdrängung nicht so wie man es gerne hätte, denn meistens kommt die Erinnerung wieder zurück. Oft wird ein Mensch, der versucht, bestimmte Erlebnisse zu verdrängen, zur Gefahr für seine Mitmenschen, wenn sich sein Trauma zum Beispiel in Form von Aggression erkennbar macht. In der Kurzgeschichte wird Quail ebendfalls eine Gefahr - in dem Fall für die Polizei - da er sich nun an den Auftragsmord und seine Kampf- Kenntnisse als Profikiller erinnert.
Heute kann man diese Theorie der falschen Identität in Zusammenhang mit den Medien sehen und wie diese benutzt werden, um Identitäten zu schaffen. Es ist längst Gang und Gäbe, dass Menschen im Internet individuell gestaltete Identitäten annehmen und diese durch zb. Online-Games ausleben. Auch Serien-Zuschauer ahmen Protagonisten nach und identifizieren sich mit ihnen. Das kann jedoch ausarten und dazu führen, dass jene Personen den Bezug zur Realität und zur eigenen Persönlichkeit verlieren. Wir werden außerdem ständig mit Werbung überhäuft und mit Bildern, die Simulacra schon sehr nahe kommen. Auch davon lassen sich viele Konsumenten beeinflussen und identifizieren sich mit Produkten, Gegenständen und vorgelebten Lebensstilen.
Es kann verheerende Folgen haben, wenn mächtige Institutionen, wie die Regierung oder die Polizei die Medien dazu verwenden der Gesellschaft Identitäten einzureden, wie es zum Beispiel im Nazionalsozialismus der Fall war. Auch in „We Can Remember It For You Wholesale“ passiert das als Militärs die Erinnerung an den Auftragsmord löschen. Eiskalt wird im Gehirn eines Menschen experimentiert, ohne Rücksicht auf den eigenen Willen oder die eventuellen Folgen, die dieser Eingriff haben kann.
Wenn man sich an die Manipulation des Volkes im Nazionalsozialismus erinnert, erkennt man, dass diese Fiktion nicht weit von der Realität entfernt ist. Der „richtige“ Mensch wurde als blond, blauäugig, deutsch und stark definiert; so wurden „richtige“ und „falsche“ Identitäten erfunden und wer zuviel wusste, wurde beseitigt, so wie es die Polizei mit Quail zuerst vorhat.
Des Weiteren werden schon Kindern Identitäten aufgezwungen und „erlernt“. Bis man erwachsen wird, wird man verbogen; Talente, Merkmale und Eigenschaften, welche die wahre Persönlichkeit charakterisieren, werden einem ausgeredet und schlecht geredet. So kommt es auch dazu, dass viele Menschen später nicht mehr wissen wer sie eigentlich sind und sich selbst in Traumwelten, Phantasien oder Spielen wieder zu finden versuchen, sowie die Menschen in der Kurzgeschichte hoffen sich selbst in künstlich erzeugten Erinnerungen neu zu erfinden.
Es stellt sich hier wieder die Frage der Inneren Sicherheit im Bezug auf die eigene Handlungsfreiheit und das eigene Denken. Inwieweit kann man sagen, dass die so entstandene Identität die „reale“, eigene ist, oder jene, die von außen erzeugt und einem Menschen aufgezwungen wird? Sind es eigene Entscheidungen, die wir treffen oder welche, die uns eingeredet werden oder die wir uns selbst einreden?
Phillip K. Dick wollte vermutlich vor derartigen Spielereien und Manipulationen der eigenen Identität warnen.
Dienstag, 12. Mai 2009
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