Dienstag, 30. Juni 2009

Schön wars

Es hat viel Spaß gemacht ein Semester lang diesen Blog zu führen und einmal eine ganz andere Art von Auseinandersetzung mit Themen zu ermöglichen, als wir es sonst vom Unialltag gewöhnt sind.
Wir hoffen euch vielleicht einige Anregungen zu Philip K. Dick gegeben zu haben und wünschen noch viel Spaß beim lesen / kommentieren.

Revolution und Religion

Als Abschluss unseres Blogs möchte ich noch einmal auf das Buch „Radio Free Albemuth“ eingehen.
Genauer auf die möglichen Erlösungsvorstellungen

In dieser Geschichte setzt Philip K. Dick eine vermeintlich außerirdische, höhere Lebensform als Heilsbringer für die in einem diktatorischen System lebende Menschheit ein. Diese Alien, der Protagonist nennt sie VALIS (Vast Active Living Intelligence System), stammen vom Planeten Albemuth und kommunizieren mittels eines Satelliten, der jeweils auf der sonnenabgewandten Seite die Erde umkreist und Botschaften direkt in die Köpfe einiger Menschen sendet. Diese auserwählten Empfänger formieren sich zu einer Geheimorganisation namens Aramcheck, welche es zum Zeil hat den amtierenden Präsidenten der U.S als von der kommunistischen U.S.S.R. eingesetzten Schläfer zu enttarnen und das System zu Gunsten einer freien Demokratie zu stürzen.
Im Laufe der Erzählung wird deutlich, dass es sich bei den Sendungen nicht nur um Visionen handelt, sondern dass auch eine „plasmatic life form“ übertragen wird, die sich in den Köpfen der Empfänger einnistet um ihnen hilfreich, vornehmlich durch beschleunigte körperliche Heilung, zur Seite zu stehen.
Dick zieht immer wieder Vergleiche mit der Erlösertheorie des Christentums. So gibt es für die Anhänger von Aramcheck nur einen Retter (einen Gott) und sie glauben, dass die „plasmatic life form“ zum Dank für die Bewirtung ihre nun unsterblichen Seelen mit in die Atmosphäre nimmt, nachdem ihr Körper verstorben ist. Somit wird der Glaube an ein ewiges Leben nach dem Tod generiert.
Im letzen Kapitel zieht Dick sogar ganz konkret, durch die Figur des Leon, den Vergleich zwischen der beschriebenen Gegenwart und dem frühen Christentum. Und so löst sich, was zu Beginn des Buches den Anschein von Halluzinationen eines Kranken hat und dann in eine komplexe Alieninvasion übergeht, zum Schluss in eine Entstehungsgeschichte einer christenähnlichen Religion auf.
Die neuen Mitglieder erfahren eine Form der Erlösung durch das vermeintliche Erinnern, mittels der Informationen von VALIS, an einen außerirdischen Lebensursprung der gesamten Menschheit. Somit bekommt ihre momentane Existenz einen höheren Sinn, der dem Großteil der Gesellschaft verborgen bleibt. Des Weiteren versetzt sie die Anwesenheit einer höheren Lebensform, die als Unterstützung im Kampf um ihre Befreiung dient, in die Lage etwas gegen die Missstände im herrschenden System unternehmen zu können. Schlussendlich stellt dieser Retter ihnen garantierte Erlösung in Aussicht, entweder in einer Neubegründung des demokratischen Systems, oder in einem erfüllten Weiterleben nach dem Tod.
Jedoch bleibt Philip K. Dick die Antwort schuldig, warum VALIS, als übermächtiger Beschützer der Menschheit, nicht einfach körperlich eingreift, sondern mittels eines komplexen Kontaktsystems versucht vergleichsweise schwache Individuen zu rekrutieren und sie für sich kämpfen zu lassen.

Sonntag, 21. Juni 2009

Wenn Grenzen verschwimmen

Philip K. Dick spielt in seinem Roman „Valis“ mit Grenzen und Gradwanderungen und stellt viele Begriffe, die die Gesellschaft für eindeutig definierbar hält, in Frage.

Es stehen sich folgende Begriffe gegenüber, auf die ich weiter eingehen werde:

1. Normalität – Wahnsinn

2. Wirklichkeit – Phantasie

3. Das Göttliche – das Schreckliche

4. Das irrationale Universum – der rationale Mensch


1. Normalität – Wahnsinn

Horselover Fat wird zuerst von seinen Mitmenschen als wahnsinnig angesehen. Man nimmt ihn nicht ernst und schließlich wird er in eine geschlossene Anstalt eingewiesen. Wahnsinn wird als ansteckende Krankheit dargestellt; es wird behauptet Gloria hätte ihn in ihrem Todesspiel damit angesteckt.
Die Gradwanderung zwischen Normalität und Wahnsinn ist sehr schmal und gefährlich.
Wer hat das Recht zu definieren was normal und was wahnsinnig ist? „Normalerweise“ setzen diese Normen doch Menschen, die Macht haben. Aber heißt das immer, dass es richtig ist?
Wieder einmal kritisiert Dick Menschen, die denken sie könnten über andere entscheiden (Ärzte zB.) Fats Therapeuten werden selbst als wahnsinnig dargestellt. Der eine ist genauso ein Visionär und Philosoph wie Fat und hat absurderweise genauso wirre und komplexe Gedankengänge wie sein Patient. Jedoch fällt auf ihn noch ein positives Licht, da er im Endeffekt Fat hilft und ihn entlässt. Der andere schreit ihn die ganze Zeit über an, ist gefühllos und stupide. Er kann, wie die meisten Ärzte, nichts mit Fats philosophischen Theorien anfangen und hilft ihm letztendlich nicht.
Ärzte werden also von der Gesellschaft als „normal“ eingestuft, obwohl auch sie verrückt sein können. Wenn sich aber dann die Normalität auf der Seite des Patienten befindet und der Wahnsinn auf der des Arztes, dann wird es absurd aber auch gefährlich. So wird Wahnsinn zur Normalität und Normalität zu Wahnsinn und man kann den Unterschied nicht mehr erkennen bzw. man weiß nicht mehr was man glauben soll.
Es kann also gut sein, dass Patienten die eingeliefert werden, erst wirklich verrückt werden, WEIL sie eingeliefert werden.

2. Wirklichkeit – Phantasie

Wie kann man behaupten, dass etwas nicht stimmt, wenn man nicht beweisen kann, dass es nicht stimmt? Nur auf Grund der Meinung der Massen und weil es die anderen sagen, werden Menschen als verrückt bezeichnet, nicht mehr ernst genommen, menschenunwürdig behandelt und weg gesperrt.
Wenn Phantasie ein Teil unserer Welt ist, dann müsste sie doch eigentlich auch ein Teil der Wirklichkeit sein. So gesehen schließen sich die beiden Begriffe nicht aus. Sie existieren parallel zu einander in zwei verschiedenen Welten. Die Figur Fat existiert und existiert zugleich nicht. In Dicks Phantasie lebt Fat als sein imaginärer Freund, außerhalb dieser aber nicht. Wobei man anmerken muss, dass wir nicht genau sagen können ob sich Dick als Figur/Erzähler im Buch nicht auch neu erfindet. Fat ist aber trotzdem real, denn Phantasie ist auch real.
Wenn Phantasie nicht Wirklichkeit wäre, dann wäre die Tatsache, dass wir Bücher lesen und Filme sehen auch nicht real, denn ohne Phantasie sind diese nicht möglich.

3. Das Göttliche – das Schreckliche

Auch hier ist die Grenze oft kaum erkennbar. Kevins Frage, warum denn Gott seine Katze sterben hat lassen, ist ein Rätsel der Menschheit und bleibt die ganze Geschichte über aktuell. In Dicks Roman werden zig Theorien über Gott von Fat entwickelt. Keine jedoch beantwortet Kevins Frage zufrieden stellend. Das kleine Mädchen Sophia, die Tochter von Valis, behauptet zwar die Katze sei einfach nur dumm gewesen und deswegen in das Auto gerannt und dass für solche Lebewesen kein Platz wäre, aber will man so etwas Brutales glauben? Wenn man nicht zum Nihilisten werden will und nicht so wie Fat gegen Ende der Geschichte behaupten will, dass Tod der wahre Name der Religion wäre, kann man das wohl nicht.
Der Tod ist ein zentrales Thema in „Valis“. Das Leben und der Tod sind und bleiben jedoch ein Rätsel. Fat (oder Phil) kommt der Lösung zwar immer ein Stück näher oder kann manchmal etwas erahnen. Er kann immer wieder mal einen Blick durchs Schlüsselloch erhaschen wenn er sich bemüht, aber die meiste Zeit wird ihm dieser Blick verwehrt.

4. Das irrationale Universum – der rationale Mensch

Der Mensch ist ein weitgehend berechenbares Wesen. Viele hören nicht auf ihr Gefühl, sondern lassen sich nur von ihrem Verstand leiten, was jedoch absurderweise auch zu Fehlern führen kann, wenn zum Beispiel der Verstand nicht mehr richtig arbeiten kann (wie zB. bei Gloria, als sie ihr grausames Psychospiel mit Fat spielt). Der Mensch hat die Tendenz zum Rationalen. Jedoch kann der Verstand nicht ohne Gefühl arbeiten. Aber da dieses oft nicht erklärbar ist (also irrational) ignorieren es viele und was nicht logisch erklärbar ist, wird abgelehnt. Würde Gloria also auf ihr möglicherweise irrationales Gefühl hören, auf ihre innere Stimme, dann würde sie sich vielleicht nicht umbringen.
Fat stellt die Theorie auf, das Universum wäre irrational, und Gott sei wie ein kleines spielendes Kind. Dieser Gedanke ist erschreckend. Also ist auch hier das Irrationale wieder negativ behaftet, denn das Kind handelt willkürlich und unberechenbar.
Jedoch kann auch ein Mensch irrational handeln und im Universum gibt es auch Regeln, die als rational bezeichnet werden können (zb. die Erde dreht sich um die Sonne). So kann man auch den Menschen nicht als rein rational und das Universum nicht als rein irrational sehen.

Donnerstag, 4. Juni 2009

Rethrick- der zweite Judas?

Michael Jennings hegt sich in der Geschichte „Paycheck“ von Philip K. Dick in der Sicherheit seines Konzerns Rethrick Constructions, das für eine revolutionäre Umstrukturierung des herrschenden totalitären Systems „SP“ kämpft.
Das Unternehmen behält sich jedoch ein das Gedächtnis Jenninga nach zweijähriger Tätigkeit auszulöschen um ihr Vorhaben, dass das derzeitige Regime stürzen will zu schützen.
Jennings muss die Firma verlassen und sein Gedächtnis und das Wissen werden gelöscht. Er hält jedoch fest, dass ihm eine Ablöse zusteht.
Jennings Wissen, dass er in den letzten zwei Jahren aufgebaut hat (ein Spiegel der in die Zukunft blicken kann) wäre für die „SP“ Gold wert. Das bedeutet, Jennings könnte im Falle einer Festnahme in der äußeren Welt und dem herrschenden Regime nicht überleben.
Er kann weder erklären, warum er sein Gedächtnis verlor, noch, was beziehungsweise wer er ist. Für „SP“ Grund genug sich von so einem Menschen zu trennen.
Er hält jedoch vertraglich fest, dass er nach vollzogenem Gedächtnisverlust, sieben Gegenstände (Draht, Ticket, Chipkarte, etc.) mitnehmen darf. Was das Unternehmen nicht weiß: jene unscheinbaren sieben Dinge werden Jennings später dazu verhelfen den Inhaber Rethrick des Konzerns zu erpressen und einen Posten in den oberen Reihen der Firma zu übernehmen.
Mittels des Spiegels mit dem man in die Zukunft blicken kann und eines „Greifers“, der sprichwörtlich in die Zukunft greift, hat Michael Jennings sich der sieben Utensilien noch während seiner Anstellung bedient.
Er verrät seine alte Firma um sich zu retten.
Ein Gottesbezug zwischen dem Apostel Judas Ischariot aus dem Neuen Testament und James Rethrick zu ziehen, scheint zunächst abtrünnig. Doch in Bezug auf ein „Reich Gottes“, also die Erlösung und absolute Sicherheit einer jeden Seele, kommt man einer Verbindung der beiden schon näher.
Betrachtet man die Judaserzählung und versucht diese zu deuten, so stolpert man oft über die Interpretation von „Judas als Heilsbringer“.
Der Heilsbringer, der Jesu nicht verriet, sonder überlieferte, damit Gottes Heilsplan die Seelen der Toten in sein Reich (Reich Gottes) aufnehmen zu können auf gehen konnte.
Ein wichtiger Aspekt der christlichen Eschatologie: Das „Reich Gottes“. Es begann schon durch die Inkarnation Jesu.
Es ist kein Ort, sondern viel mehr ein Geschehen, in dem Gott seine Herrschaft ausbreitet, dass allerdings noch nicht vollendet ist. Durch Jesus Tod wurde die Verbindung zwischen irdischen Leben und ewigen Leben gesichert. Es zieht also nach sich, ist dies- & jenseitig.
Im Jenseits ist alle Sünde und Böses besiegt (vollkommende innere Sicherheit). Im Diesseits arbeitet man noch an der Perfektion der Verbreitung von u.a. Frieden. (Eine weitere Art der inneren Sicherheit)
Das Ende ist klar: Das Reich Gottes wird sowohl im irdischen Leben als auch nach dem Ableben stattfinden. Voraussetzung ist aber der Einsatz der Menschen. Sie bemühen sich um eine Umstrukturierung der derzeitigen Situation. Heute zum Beispiel nimmt man diese Umstrukturierung unter anderem durch soziale Gerechtigkeit(en) war.
James Rethrick ist ebenfalls für eine Umstrukturierung. Ihm geht es vor Allem um die soziale Veränderung seiner Gesellschaft. Aus christlicher Sicht nähert er sich demnach dem Reich Gottes.
Nur durch Jesus Tod, konnte das Tor der Erlösung geöffnet werden.
In Hinblick auf die Kurzgeschichte weiß man, dass die Zukunft zwar vorherseh-, aber nicht veränderbar ist. Alles hat seinen Lauf und scheint vorbestimmt zu sein.
Welche Auswirkungen hat Rethricks Vertrag mit seinen ehemaligen Angestellten Jennings auf die Zukunft? Handelt es sich um einen Verrat, da Jennings ohnmächtig in die Gesellschaft zurückkehren muss oder ist es nicht eher ein Anfang für die Erlösung des totalitären Systems? Der Anfang für einen freien Geist?
Haben sich Judas und Rethrick sich fernab von Altruismus bewegt um sich ihre irdische Existenz zu bewahren? Eine rhetorische Frage. Selbstverständlich.
Welche Auswirkungen beinhaltet ihr Handeln?
Sie ist bei beiden die Selbe: Die Verbesserung für ein zukünftiges besseres Bestehen, sowohl als Individuum, als auch für die Gesellschaft.
Judas opferte Jesus und ermöglichte die Verbindung zwischen irdischer Welt und Reich Gottes. Er brachte sich und die restlichen Gläubiger näher an eine verbesserte soziale Lebensgemeinschaft ohne Angst und Furcht. Seine Entscheidung schuf ein Stückchen innere Sicherheit, die sich im Laufe der Jahrhunderte zumindest im Katholizismus immer mehr aufgebaut hat!
Der Ausgang der beiden Geschichten ist unterschiedlich. Während Judas ganz christlich das Geld zurück gibt, Buße tut und stirbt, Rethrick behält seinen Posten und könnte ohne große Probleme weiteragieren. Leider endet Dicks Geschichte vorzeitig. „SP“ bleibt weiterhin an der Macht und der Leser kann nur hoffen, dass Rethrick Constructions es schafft das totalitäre System zu stürzen.

Innere Sicherheit in Paycheck

In der Kurzgeschichte Paycheck von Philip K. Dick werden zwei rivalisierende Systeme beschrieben:
Auf der einen Seite haben wir einen totalitären Polizeistaat in dem die SP, Security Police, fast uneingeschränkte Macht hat und selbst den Schulunterricht mit gestaltet. Und auf der anderen Seite einen Großkonzern namens Rethrick Construction, der im Verborgenen auf die Ausstattung von zukünftigen Staatsrebellen hinarbeitet und sich vorbehält ehemaligen Mitarbeitern jedwede Erinnerung an ihre Arbeit aus dem Gehirn heraus zuoperieren. Die Security Police versucht durch Verhöre von Einzelpersonen möglichst viel Information über die großen Firmen herauszubekommen, da diese ohne konkreten Verdacht vor dem Zugriff der SP gesetzlich geschützt sind.
Somit stellt Philip K. Dick ein System des radikalen Erzählens, einem System des radikalen Vergessens gegenüber. Dazwischen irrt der Protagonist Jennings auf der Suche nach einer sicheren Zuflucht umher. Jenning hat zwei Jahre als Mechaniker für Rethrick gearbeitet, welcher ihm, wie zuvor vertraglich festgehalten, jede Erinnerung an diese Zeit genommen hat. Vermeintlich um zwei Lebensjahre und seinen gesamten Verdienst betrogen, fällt er in die Arme der SP, die ihm sämtliche (nicht vorhandenen) Informationen über den ehemaligen Arbeitgeber entlocken will.
Er erkennt, dass er in keinem der beiden Systeme unter den gegebenen Umständen existieren kann und beginnt mit Hilfe seines Verdienstersatzes (sieben unscheinbare Gegenstände) Staat und Konzern gegeneinander auszuspielen.
Wie schon in der Übung angesprochen basiert jede Art von innerer Sicherheit in diesem Fall auf der Annahme maximaler Unsicherheit. Jede beteiligte Partei versucht sich bestmöglich gegen jeden und alles abzusichern und auch Jennings macht Kelly, die Sekretärin von Rethrick, nur zu seiner Komplizin, weil ein Alleingang zu riskant wäre. Letztendlich wird klar, dass er lediglich ausführendes Organ einer ihm vormals bekannten Zukunft ist und selbst seine vermeintlichen Fehlentscheidungen Teil seines ausgefeilten Plans waren.
Anders als in „Minority Report“ ist der Blick in die Zukunft diesmal den Staatsgegnern vorbehalten. Rethrick Construction hat jedoch nicht zum Ziel mit dieser Waffe einen Regierungsumsturz zu verursachen, die Firma will ausschließlich die Mittel für einen solchen bereitstellen. Die genauen Absichten des Konzerns bleiben dem Staat jedoch verborgen, weshalb die SP alles daran setzt mehr Informationen zu bekommen. Des Weiteren scheint es auch nur EINE mögliche Zukunft zu geben, da Jennings mit vielen verschiedenen Zukunftsversionen unmöglich im Vorhinein einen funktionierenden Erpressungsplan hätte ausarbeiten können. Die Möglichkeit der freien Entscheidung, wie in „Minority Report“ gegeben, hätte jederzeit ein Abweichen in eine andere Zukunft ermöglicht.
Dies ist eine der Kurzgeschichten von Philip K. Dick, die einmal nicht in großer Vernichtung und Apokalypse endet, sondern in der die feindlichen Systeme weiter existieren, bis eine dritte Macht das Gleichgewicht ins Wanken bringt.

Exkurs

Warum dystopische Science-Fiction-Geschichten?
In der Gegenwart bestimmen wir unsere Zukunft. Eine autonome Sache auf- den ersten Blick betrachtet.
Doch auf eine Aktion folgt bekanntlich eine Reaktion usw., die nicht immer vorsehbar ist. Die Reaktion folgt in der Zukunft und lässt sich demnach nicht beeinflussen. Zumindest nicht mit unseren derzeitigen technischen Mitteln. Ist es also nur der Wunsch eines jeden Menschen die Kontrolle über die Zeit zu gewinnen? Gott zu spielen? Ungeahnte Möglichkeiten kommen auf. Möglichkeiten die Science-Fiction-Autoren tagtäglich niederschreiben um ihr Brot zu verdienen.
Was sind an diesen unbekannten und –geahnten Möglichkeiten nur so attraktiv, dass das Interesse an Science Fiction so in uns aufflammen lässt?
Zum einen wohl, das Machtgefühl zu haben, alles und jedes kontrollieren zu können: Die absolute Autonomie.
In dystopischen Erzählungen schwenkt dies oft in eine andere Richtung.
Die Kontrolle wird meist nur einer Seite oder Gruppe zugesprochen, die diese willkürlich ausübt! Die innere Sicherheit besteht also nur bei einer Partei und selbst in ihr steht sie auf wackeligen Beinen.
Es ist paradox, das der so freiheitsliebende Mensch, der immerzu vorgibt, so zu sein, dennoch immer die Kontrolle über ein anderes Lebewesen innehaben muss. Und sei es nur die Kontrolle über einen Tier. Irgendjemand muss immer unter ihm stehen. Seine Freiheit einbüßen, nur damit die andere Partei das Gefühl der eigenen, persönlichen inneren Sicherheit inne hat. Hier stellt sich also die Frage: Unterdrückt der Mensch aus Angst kontrolliert zu werden? Wodurch und warum kommt dieser Wunsch nach Macht und Kontrolle eigentlich im Menschen heute nach diversen Kriegen und deren Folgen noch auf? Wollen wir aus der Vergangenheit nicht lernen und sind demnach verdammt sie zu wiederholen wie es schon Georg Santayana sagte? Mehrere Faktoren spielen hier sicherlich zusammen.
Jeder spricht sich einen eigenen Lebensfreiraum zu und überrascht, dass der sich mit dem eines anderen überschneiden kann bzw. muss. Unstimmigkeiten kommen genau dann auf, wenn man diese Überschneidung nicht akzeptieren will und versucht den vermeintlich verlorenen Teil zurückzuerobern- wo bei dann natürlich die Andere Seite ein Stückchen seiner Freiheit in dem Moment der Kapitulation verlieren würde und schon ist es mit dem Lebensfreiraum geschehen.
Eine Unterdrückung fand statt. Man erkennt nicht, dass diese „Lebensfreiraumüberschneidung“ kein Verlust darstellen muss. Es ist eine Sache der Auslegung, Rücksicht und Kommunikation.
Genau das versucht die Science Fiction vor Allem in der Dystopie meiner Meinung nach deutlich zu machen.
Selbstverständlich lässt es sich nicht nach dem „Truthahn-Prinzip“, (jahrelang ging es mir gut, deswegen wird das auch noch weitere Jahre so weiter gehen), leben.
Innere Sicherheit ist keine Sache des Stillstandes. Sie ist ständig in Bewegung und muss gepflegt werden.
Das geschieht nicht nur durch neue technische Errungenschaften, die uns länger am Leben lassen oder Verbrechen verhindern, sondern durch eine Akzeptanz und das Respektieren von anderer Lebendweisen.
Dystopische Geschichten weisen demnach auf die Verweigerung einer Reflexion hin (dies würde ja eine vermeintliche Einschränkung des Lebensraums, also der innere Sicherheit eines Einzelnen bedeuten und die gibt man ungern freiwillig her).

Dienstag, 2. Juni 2009

Symbiose zwischen Entropie und Syntropie?

In Philip K. Dicks Short-Story „The Skull“ versucht der Protagonist Conger den Gründer der First Church in der Vergangenheit zu finden und zu töten, da diese den Staat extrem kontrolliert, beeinflusst und gegen Fortschritt und Technik ist. Dieser Auftrag wird ihm angeboten als Alternative für eine Haftstrafe.
Im Endeffekt findet er jedoch heraus, dass er selbst der Gründer ist.

Wir können hier einige Parallelen zu „Minority Report“ erkennen, denn auch Anderton wird eigentlich mit seiner eigenen Tat konfrontiert (die er in dieser Story erst begehen wird). Bei "The Skull" geht es also um die Tat in der Vergangenheit und bei "Minority Report" um jene in der Zukunft.
Beide Protagonisten werden jedoch mit sich selbst konfrontiert. Der Schlüssel zur eigenen Persönlichkeit für Conger ist der Totenkopf und für Anderton das Kärtchen, auf dem sein Name steht. Conger hat außerdem einen Spiegel zur Verfügung, in dem er sich im Laufe der Geschichte immer wieder betrachtet; man könnte diesen als Symbol für die Suche nach sich selbst deuten. In "Minority Report" sieht sich Anderton ebenfalls einem Art „Spiegel“ gegenüber gestellt, den drei Precogs, welche ja auch nur die angebliche Realität wiederspiegeln. Beide flüchten schließlich vor sich selbst, und erkennen aber dass es eigentlich unmöglich ist dem „Schicksal“, das ja eigentlich von den Menschen selbst geschaffen worden ist, entkommen zu können.
Die Suche nach und die Konfrontation mit sich selbst scheint in Philip K. Dicks Literatur überhaupt eine wichtige Rolle zu spielen.

Ich würde hier gerne auch auf das Thema Entropie eingehen:
In der Precog-Welt wird gegen Entropie gearbeitet, man will absolute Kontrolle erreichen, aber schränkt so die Menschen auch ein und es gibt keine eigene Entscheidung mehr, wodurch im Enddeffekt wieder Stillstand entsteht. Jedoch ist auch diese Syntropie nur durch Entropie möglich, denn wenn die potentiellen Täter garkeine Mordgedanken hätten (was ja sozusagen Chaos im Kopf bedeutet), dann würde es diesen ganzen Prozess hin zur gewünschten Syntropie (sie werden weggesperrt-ihre Weiterentwicklung wird ihnen unmöglich gemacht-Stillstand) garnicht geben.
Conger muss ebenfalls erst durch Energie (indem er also in die Vergangenheit reist) Entropie erzeugen um dann paradoxerweise als Gründer der First Church erst wieder Syntropie (zb Stillstand des Fortschrittes und der Technik) herzustellen.
Der Versuch diesen Kreislauf zu durchbrechen misslingt in beiden Stories.
Sind also Entropie und Syntropie voneinander abhängig? Gibt es das eine ohne das andere garnicht?
Einige Aspekte sprechen dafür: Die Menschen brauchen immer wieder Entscheidungsfreiraum, Platz für Kreativität, Entwicklung, Fortschritt, etc. Laut der Theorie gehören diese Punkte also zur Entropie (Chaos, Unordnung). Aber ist nicht zum Beispiel die Entwicklung eines Menschen im Laufe seines Lebens (zb.Geburt-Wachsen-Lernen-Handeln-Tod) in gewissen Maße auch eine Ordnung? Eine Ordnung der Natur, ein Kreislauf der nie enden wird? Es würde sich dann sozusagen um eine „Bewegte Ordnung“, oder um ein „geordnetes Chaos“, in einem immer gleich bleibenden Rhythmus handeln. In diesem sind dann Entropie und Syntropie vereint und kommen ohne einander nicht aus. Das führt zur Schlussfolgerung, dass dieser Kreislauf eben nie zu durchbrechen sein wird, egal wie oft es die Menschen versuchen - durch Krieg, Kontrolle, etc. – nichts davon wird ihn jemals beenden.
Hier sollte man sich die Frage stellen, warum menschliche Lebewesen immer wieder versuchen durch totales Chaos totalen Stillstand und totale Kontrolle herzustellen, wenn sie schon zig mal gesehen haben, dass es nicht funktioniert. Was treibt sie dazu? Die Angst und Panik davor die Kontrolle zu verlieren (die sie ja eigentlich garnicht haben-sie bilden es sich nur ein) oder die Gier nach Macht über ihre Mitmenschen? Ist es so schwer aus Fehlern zu lernen?
Wollen wir das Bild, das wir in „The Gun“ zu sehen bekommen, von einem ausgerotteten Volk und einem toten Planeten wirklich anstreben und ist am Ende die Waffe die „Siegerin“ und die letzte „Überlebende“?