Philip K. Dick spielt in seinem Roman „Valis“ mit Grenzen und Gradwanderungen und stellt viele Begriffe, die die Gesellschaft für eindeutig definierbar hält, in Frage.
Es stehen sich folgende Begriffe gegenüber, auf die ich weiter eingehen werde:
1. Normalität – Wahnsinn
2. Wirklichkeit – Phantasie
3. Das Göttliche – das Schreckliche
4. Das irrationale Universum – der rationale Mensch
1. Normalität – Wahnsinn
Horselover Fat wird zuerst von seinen Mitmenschen als wahnsinnig angesehen. Man nimmt ihn nicht ernst und schließlich wird er in eine geschlossene Anstalt eingewiesen. Wahnsinn wird als ansteckende Krankheit dargestellt; es wird behauptet Gloria hätte ihn in ihrem Todesspiel damit angesteckt.
Die Gradwanderung zwischen Normalität und Wahnsinn ist sehr schmal und gefährlich.
Wer hat das Recht zu definieren was normal und was wahnsinnig ist? „Normalerweise“ setzen diese Normen doch Menschen, die Macht haben. Aber heißt das immer, dass es richtig ist?
Wieder einmal kritisiert Dick Menschen, die denken sie könnten über andere entscheiden (Ärzte zB.) Fats Therapeuten werden selbst als wahnsinnig dargestellt. Der eine ist genauso ein Visionär und Philosoph wie Fat und hat absurderweise genauso wirre und komplexe Gedankengänge wie sein Patient. Jedoch fällt auf ihn noch ein positives Licht, da er im Endeffekt Fat hilft und ihn entlässt. Der andere schreit ihn die ganze Zeit über an, ist gefühllos und stupide. Er kann, wie die meisten Ärzte, nichts mit Fats philosophischen Theorien anfangen und hilft ihm letztendlich nicht.
Ärzte werden also von der Gesellschaft als „normal“ eingestuft, obwohl auch sie verrückt sein können. Wenn sich aber dann die Normalität auf der Seite des Patienten befindet und der Wahnsinn auf der des Arztes, dann wird es absurd aber auch gefährlich. So wird Wahnsinn zur Normalität und Normalität zu Wahnsinn und man kann den Unterschied nicht mehr erkennen bzw. man weiß nicht mehr was man glauben soll.
Es kann also gut sein, dass Patienten die eingeliefert werden, erst wirklich verrückt werden, WEIL sie eingeliefert werden.
2. Wirklichkeit – Phantasie
Wie kann man behaupten, dass etwas nicht stimmt, wenn man nicht beweisen kann, dass es nicht stimmt? Nur auf Grund der Meinung der Massen und weil es die anderen sagen, werden Menschen als verrückt bezeichnet, nicht mehr ernst genommen, menschenunwürdig behandelt und weg gesperrt.
Wenn Phantasie ein Teil unserer Welt ist, dann müsste sie doch eigentlich auch ein Teil der Wirklichkeit sein. So gesehen schließen sich die beiden Begriffe nicht aus. Sie existieren parallel zu einander in zwei verschiedenen Welten. Die Figur Fat existiert und existiert zugleich nicht. In Dicks Phantasie lebt Fat als sein imaginärer Freund, außerhalb dieser aber nicht. Wobei man anmerken muss, dass wir nicht genau sagen können ob sich Dick als Figur/Erzähler im Buch nicht auch neu erfindet. Fat ist aber trotzdem real, denn Phantasie ist auch real.
Wenn Phantasie nicht Wirklichkeit wäre, dann wäre die Tatsache, dass wir Bücher lesen und Filme sehen auch nicht real, denn ohne Phantasie sind diese nicht möglich.
3. Das Göttliche – das Schreckliche
Auch hier ist die Grenze oft kaum erkennbar. Kevins Frage, warum denn Gott seine Katze sterben hat lassen, ist ein Rätsel der Menschheit und bleibt die ganze Geschichte über aktuell. In Dicks Roman werden zig Theorien über Gott von Fat entwickelt. Keine jedoch beantwortet Kevins Frage zufrieden stellend. Das kleine Mädchen Sophia, die Tochter von Valis, behauptet zwar die Katze sei einfach nur dumm gewesen und deswegen in das Auto gerannt und dass für solche Lebewesen kein Platz wäre, aber will man so etwas Brutales glauben? Wenn man nicht zum Nihilisten werden will und nicht so wie Fat gegen Ende der Geschichte behaupten will, dass Tod der wahre Name der Religion wäre, kann man das wohl nicht.
Der Tod ist ein zentrales Thema in „Valis“. Das Leben und der Tod sind und bleiben jedoch ein Rätsel. Fat (oder Phil) kommt der Lösung zwar immer ein Stück näher oder kann manchmal etwas erahnen. Er kann immer wieder mal einen Blick durchs Schlüsselloch erhaschen wenn er sich bemüht, aber die meiste Zeit wird ihm dieser Blick verwehrt.
4. Das irrationale Universum – der rationale Mensch
Der Mensch ist ein weitgehend berechenbares Wesen. Viele hören nicht auf ihr Gefühl, sondern lassen sich nur von ihrem Verstand leiten, was jedoch absurderweise auch zu Fehlern führen kann, wenn zum Beispiel der Verstand nicht mehr richtig arbeiten kann (wie zB. bei Gloria, als sie ihr grausames Psychospiel mit Fat spielt). Der Mensch hat die Tendenz zum Rationalen. Jedoch kann der Verstand nicht ohne Gefühl arbeiten. Aber da dieses oft nicht erklärbar ist (also irrational) ignorieren es viele und was nicht logisch erklärbar ist, wird abgelehnt. Würde Gloria also auf ihr möglicherweise irrationales Gefühl hören, auf ihre innere Stimme, dann würde sie sich vielleicht nicht umbringen.
Fat stellt die Theorie auf, das Universum wäre irrational, und Gott sei wie ein kleines spielendes Kind. Dieser Gedanke ist erschreckend. Also ist auch hier das Irrationale wieder negativ behaftet, denn das Kind handelt willkürlich und unberechenbar.
Jedoch kann auch ein Mensch irrational handeln und im Universum gibt es auch Regeln, die als rational bezeichnet werden können (zb. die Erde dreht sich um die Sonne). So kann man auch den Menschen nicht als rein rational und das Universum nicht als rein irrational sehen.
Sonntag, 21. Juni 2009
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